Gute Pflege für Menschen mit Demenz:

„Es kommt auf die Haltung an“

Das Franz-Lenzner-Heim der Geraer Heimbetriebsgesellschaft hat sich auf die Versorgung von Menschen mit Demenz spezialisiert. Die Einrichtung hat besonders viele Bewohnerinnen und Bewohner mit sogenanntem „herausforderndem Verhalten“. Die Heimleiterin Silvia Bogdanowa erzählt im Interview, was sie und ihr Team tun, um eine gute Pflege für Menschen mit Demenz zu leisten.

Alzheimer Info:

Das Franz-Lenzner-Heim hat sich auf die Pflege von demenzkranken Menschen mit herausforderndem Verhalten spezialisiert. Was ist darunter zu verstehen?

Silvia Bogdanowa:

Die meisten unserer Bewohner haben eine fortgeschrittene Demenz, sind dabei aber sehr aktiv und mobil. Viele sind unruhig, laufen, räumen, rufen usw. Als herausforderndes Verhalten bezeichnet man Aggression und jede Form von sozial unangepasstem Verhalten, das andere stört. Zu uns kommen viele Menschen, die deswegen in anderen Pflegeheimen nicht aufgenommen werden. Wir stellen aber immer wieder fest, dass es einfacher wird, wenn man eine passende Umgebung schafft und die Bewohner weitgehend gewähren lässt.

Wie sieht eine solche Umgebung aus?

Bei uns leben die Bewohner in fünf Wohnbereichen. Drei davon sind in je vier Wohngruppen unterteilt und ausschließlich für Menschen mit Demenz. Insgesamt hat das Haus 170 Plätze. Es gibt sehr wenig Verbote oder Einschränkungen. Unsere Bewohner dürfen eigentlich alles – außer anderen zu schaden. Wir arbeiten mit einem milieutherapeutischen Ansatz. Das heißt, das gesamte Umfeld wird darauf ausgerichtet, die Einschränkungen so weit wie möglich auszugleichen, die durch die Demenz entstehen. Die Ausstattung der Räume orientiert sich an den biografischen Erfahrungen unserer Bewohner. Es gibt viele Orientierungshilfen und eine starke Tagesstruktur. Das Essen ist altersgerecht, regional und saisonal passend. Alle Mitarbeiter werden regelmäßig zum Krankheitsbild geschult. Wir praktizieren integrative Validation, Kinästhetik und insgesamt eine wertschätzende Grundhaltung. Weil die meisten Bewohner in ihrer Demenz sehr fortgeschritten sind, spielen viele Dinge nicht mehr so eine große Rolle: Bei uns wird zum Beispiel nicht viel Wert auf persönliches Eigentum gelegt. Wir halten Bewohner nicht davon ab, in fremde Zimmer zu gehen. Wir haben den Eindruck, dass diese Regeln für ihr Wohlbefinden nicht mehr entscheidend sind.

Wie geht es den Angehörigen damit?

Wir führen ausführliche Gespräche mit den Angehörigen. Wir raten ihnen auch, keine wertvollen Erbstücke oder dergleichen mitzubringen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt brauchen Menschen mit Demenz keine Gegenstände mehr, sondern jemanden, der für sie da ist und ihre Hand hält. Die Tagesstruktur spielt bei uns eine wichtige Rolle. Es wird aber niemand aus dem Bett geworfen, sondern die Bewohner dürfen ausschlafen. Das Frühstück ist dann die wichtigste Mahlzeit und wird mit sehr viel Zeit und Ruhe angereicht. Gegen 10 Uhr beginnen die ersten Aktivitäten, zum Beispiel Chorprobe, Singekreis oder Sport. Wir haben ein großes Angebot an Aktivitäten und feiern viele saisonale Feste. Einmal im Jahr machen wir gemeinsam eine Woche „Urlaub ohne Koffer“. Die Woche gestalten wir um ein Reisethema herum mit passenden Aktivitäten und gutem Essen. Letztes Jahr waren wir zum Beispiel in den Alpen und haben dort vier Länder „besucht“.

Worauf kommt es an, wenn man eine gute Pflege für Menschen mit Demenz leisten will?

Es kommt auf die Mitarbeiter an – auf ihr Engagement und auf ihre Haltung. Leider hat sich die Personalsituation in den letzten Jahren sehr verschlechtert. Immer weniger Menschen bewerben sich bei uns um einen Ausbildungsplatz. Durch die Auswirkungen der Pflegereform stehen wir jetzt zusätzlich unter Druck.

Inwiefern?

Unsere Bewohner erhalten nach der Reform weniger Geld aus der Pflegeversicherung. Menschen mit fortgeschrittener Demenz und einer hohen Mobilität erreichen oft nur den Pflegegrad 2. Durch ihre Demenz brauchen sie aber sehr viel Begleitung und Betreuung. Und dieser personelle Aufwand lässt sich mit dem niedrigen Pflegegrad nicht finanzieren. Es gab nach der Reform eine Übergangsphase, in der Bestandsschutz galt. Dieser ist seit dem 1. Januar 2018 nicht mehr gegeben. Wer heute bei uns einzieht und neu begutachtet wird, erreicht meist nur noch einen niedrigen Pflegegrad. Diese Diskrepanz wird in Zukunft für spezialisierte Einrichtungen zu Problemen führen. Für Menschen mit diesem speziellen Bedarf ist es ohnehin schon schwierig, einen Heimplatz zu finden. Und eine Pflege wie wir sie leisten – mit viel Mobilisierung der Bewohner und ohne großen Einsatz von Psychopharmaka – wird durch die Pflegeversicherung finanziell nicht honoriert.

 

Wir danken für das Gespräch!

Das Gespräch führte Astrid Lärm
DAlzG

 

Quelle: Alzheimer Info 2/2018 https://www.deutsche-alzheimer.de/